Architektur.

  Nicht dir allein, dem ganzen Schwesterchor,
Der hier versammelt um die Mutter weilt,
Bau' ich ein Haus, wie es mir schwebet vor,
Worin ihr Platz sei jeder zugetheilt.
Die Malerei soll am Altare blühn,
Vom Chore schallen soll die Musika,
Um Säulenwerk sollst du dich flechten kühn,
Und ich will euch einander halten nah.
Das Haus soll streben auf zum Himmel hoch,
Die Pforten weit auf Erden ausgethan.
Das große Vorbild seh' ich immer noch,
Das einst der Meister schuf nach ew'gem Plan.
Der Himmel selber war des Hauses Dach,
Die Berge Pfeiler, und die Erd' ihr Grund;
Da war des Laubes Bildwerk mannichfach,
Das aus der Tiefe nach der Höhe stund.
Die Sterne oben an der Wölbung kreisten,
Und tönten nieder in den Lobgesang,
Mit dem die unten in dem Hause preisten
Gott, dessen Odem ging das Schiff entlang.
Und groß war die versammelte Gemeinde,
An mit dem Menschen betete das Thier;
Bis durch des Menschen Fall das Thier zum Feinde
Des Menschen ward und von ihm lernte Gier.
Da ward des Tempels Grund befleckt von Blut,
Und trübe Dämpfe stiegen davon auf;
Die Sterne droben löschten ihre Gluth,
Und wendeten erdabwärts ihren Lauf.
Nicht war die Welt Ein Tempel Gottes mehr;
Doch wo nun auf den blutbefleckten Auen
Noch eine Stätte war vom Blute leer,
Da ließ der Herr sich einzle Tempel bauen.
Sie baute jedes Volk nach seinem Maß;
Doch, was der Herr dabei zum Zweck gesteckt,
Der Mensch im Irrwahn oft so sehr vergaß,
Daß selbst die Tempel wurden blutbefleckt.
Mir ward das Amt vom großen Architekten,
In der durch's Blut vom Blut gesühnten Welt
Den Tempel ihm, nicht gleich den blutbefleckten,
Zu bauen, sondern wie's ihm wohlgefällt.
Dazu hat er das Richtmaß mir gegeben,
Mit dem er selber seine Welten mißt,
Und Sterne ließ er hier in's Kleid mir weben,
Damit mein Sinn des Himmels nicht vergißt.
Dort liegt, im Mausoleenschutt begraben,
Das Alterthum, und neu ersteht's euch nie;
Hier ragt der neue Tempelbau erhaben
Zur Rechten unsrer Mutter Poesie.