Der Baum der Liebe.

                 18l4.

Ich dürres Holz, vom scharfen Beil gelichtet,
  Das du willst eben legen in die Gluth,
  Ich war, in stolzer Schönheit aufqerichtet,
Ein Baum vordem. In meinem jungen Muth,
  Wie wäre mir gekommen je zu Sinne,
  Daß man mir thäte, wie man jetzt mir thut.
O, wenn dein Herz kein Fremdling ist der Minne,
  So halte, während meinen Lebenslauf
  Ich dir erzähle, mit den Gluthen inne.
In meinem Tode bin ich stolz darauf,
  Daß ich ein Baum der Liebe war im Leben,
  Und zwar vom ersten Keimchen an merk' auf!
Es saß ein Mägdlein und ein Knab' daneben,
  Der heimlich jener einen Apfel gab,
  Sie sollt' ihm schälen, und die hälft ihm geben.
Sie theilt', und seine Hälfte nahm der Knab',
  Aß sie, dazu sich setzend von Ferne.
  Und keinen Blick wandt' er vom Apfel ab.
Das Mägdlein aber saß allein nicht gerne;
  Den Knaben wählt' es sich zu einem Ziel,
  Und zu Gschhossen wählt' es Apfelkerne.
Sie traf den Knaben, dem es wohl gefiel
  Was weiter ward mit beiden, muß ich lassen;
  Mich geht ein Kern an, der zu Boden fiel.
Der hätte gleich nur dürfen Wurzel fassen,
  Gewesen wär er schon der Liebe Kind;
  Doch sollt' auf ihn zuvor ein Vöglein passen.
Das nahm und trug ihn flatternd durch den Wind.
  Vielleicht hätt' es das Kernlein gern gefressen,
  Da kam  ein zweites Vögelein geschwind.
Das erste sah's. Da war eie Lust zu essen
  Verflogen vor der Liebe süßer Lust;
  Sie schwirten fort, das Kernlein fiel vergessen.
Da nahm die Erd' es liebend an die Brust,
  Einschlummert' es im Traum vor lauter Liebe;
  So hat ein Baum der Lieb' entstehn gemußt.
Und wirklich war ich von dem ersten Triebe
  Der Liebe Baum, und blieb der Liebe Baum,
  Bis ich gefällt ward von dem letzten Hiebe.
Zwei einz'ge zarte Blättlein hatt' ich kaum,
  Als ich schon kleinen brünstigen Insekten,
  Die mich umschwärmten, bot zum Bette Raum;
Die dann mit Lust vom süßen Thaue leckten,
  Wovon ich gleich von Jugend überfloß,
  Und mit den Blättlein ihre Wieg' umsteckten.
Drauf als ich besser in die Höhe schoß,
  Ein schlankes Reis und schon ein Krönlein hatte,
  Fühlt' ich mich für so kleines Spiel zu groß.
Die Vöglein lockte jetzo schon mein Schatte;
  Sie schnäbelten sich gern auf mir, und gern
  Hätt' ich ein Nest gehabt auf jedem Blatte.
Nun aber war mein schönstes Ziel nicht fern;
  Als ich, zum Baume völlig ausgebreitet,
  Die Menschen selbst umfing, die ird'schen Herrn.
Kein Schäfer bald, der mir vorüberschreitet,
  Den nicht ein Ast streift; keine Schäferin,
  Die nicht im Lauf an einer Wurzel gleitet.
Unausgesetzt verwandt' ich Geist und Sinn,
  Durch immer neuer Minnespiele Proben
  Zu werden das, was ich geworden bin.
In süßem Wettstreit hielt ich unten und oben
  Der Liebe Teppich und der Liebe Dach,
  Aus Blumen den, aus Blüthen das gewoben.
In süßen Liebeswettstreit hielt ich wach,
  Der Vögel Singen und Gesumm von Käfern,
  Der  Quellen Rieseln und der Lüfte Ach.
Hier aufzuwecken und dort einzuschläfern,
  Verwandt' ich Windeshauch und Ton und Duft,
  Wie's Schäferinnen lieb war oder Schäfern.
Oft wenn ein Kind in schwüler Mittagsluft
  Fest schlief beim Schatz, vergessend andere Sachen,
  Rauscht' ich ihr laut ins Ohr: Die Mutter ruft.
Oft wenn der Freund zu blöde war beim Wachen,
  Weht ich die Freundin an mit Schlummerhauch,
  um bei der Schlafenden ihn keck zu machen.
Und treu hat jeder mich befunden auch;
  Schweigsam hab' ich Geheimniss nie verrathen,
  Wie sonst gar wohl ist falscher Büsche Brauch.
Ich ließ da jeden selber sich berathen;
  Wenn einer schön mit einem Schätzchen that,
  Sagt' ich ihm nie, was vor ihm andre thaten.
Willkommen unter mir ist, was da naht!
  Umhegt bin nirgends ich von keinem Zaune,
  Und offen steht mein Tempel früh und spät.
Oft ward um Mitternacht bei mir dem Faune
  Die Hirtin statt der Nymph' und unverhofft
  Der Nymphe statt des Fauns, der Hirt, der braune.
Um's Morgenroth gesehen hab ich oft,
  Wie ihr beisammen nie gesehne Schwäger,
  Aus einer Quelle miteinander sofft,
Auf einem Rasen hattet eure Läger,
  Du Reh des Waldes und du Lamm der Trift,
  Wie unter mir die Schäf'rin und der Jäger.
Was soll ich dir, was dieses anbetrifft,
  Weitläufig noch von meinem Preise sagen?
  An meiner Stirn stand die Schicksalschrift,
Daß ich nichts sollt' als Liebesfrüchte tragen;
  Doch eben, weil ich nichts als solche trug,
  Ward ich zuletzt auch schmählich umgeschlagen.
Ich weiß nicht, war es, weil der Säfte Zug
  In Zweig and Blätter zu unmäßig rankte,
  um nur zu haben Liebesschatte gnug,
Daß davon ausgedorrt die Wurzel krankte;
  Ich weiß nicht, war's, weil jeder Liebesgast
  Zum Abschied stets nach einem Zweiglein langte,
Das ich ward kahl; ich weiß nicht, war's, weil fast
  Mein ganzer Stamm mit eigeschnittnen Namen
  Bevölkert war, daß drunter litt der Saft.
Kurz, wo auch her des Todes Schauer kamen,
  Die Liebe war's, von der ich nahm den Tod,
  So wie von ihr ich nahm des Lebens Samen.
Und lieblich war der Tod, weil Lieb ihn bot;
  Doch lieblos waren, die geliebt mich hatten
  Im Glück, und jetzt mich ließen in der Noth.
Ja lieblos waren, die in meinem Schatten
  Gebuhlet sonst, und jetzt mich fallen sah'n.
  Und anderwärts nun buhlen aus den Matten.
Und lieblos war des Beiles eh'rner Zahn,
  Der mich verwundet; lieblos sind die Hände,
  Die mit der Axt den Todesstreich gethan;
Die mich zerstückten so in Feuerbrände,
  Daß ich, der sonst in Liebesgluth geglüht,
  Mit grobem Stoff soll hitzen kalte Wände.
Und lieblos ist vor allem dein Gemüth;
  Nie hat der Liebe Zauber dich durchzittert,
  Nie hat Liebe Funke dich durchsprüht;
Wenn du kannst halten Herz und Ohr vergittert
  Vor'm Lebenslaufe meiner Liebesbrunst,
  Wie Lieb' ihn nir versüßt hat und verbittert;
Wenn du nicht liebend ausbeutst deine Kunst,
  Zu dichten so mein Liebesabenteuer,
  Daß es im Tode noch mir Liebesgunst
Erwerben kann! Nun wirf mich in das Feuer.